Billi Thanner zählt zu den Protagonistinnen einer neuen Generation des zeitgenössischen Aktionismus: dem Neo- oder Inter-Aktionismus. Der Reiz liegt für Thanner dabei „in der Freiheit, als Künstlerin über das eigene Handeln aktiv verfügen und etwas über die Grenzen hinaus tun zu können, ohne dafür eingewiesen oder verhaftet zu werden“, wie sie betont. Die 1972 geborene Künstlerin lebt und arbeitet in Wien, ist mit ihren Arbeiten aber international vertreten – etwa in Antwerpen, Maastricht und Moskau, sowie auch auf Messen in Basel, Köln und Paris.

Mit dem Kunstprojekt „No Air – No Art”, das als umweltkritische Installation erstmals 2014 im MoCA Museum of Contemporary Art in Peking gezeigt wurde und Ende 2015 in Shanghai zu sehen war, macht Billi Thanner auf das akute weltweite Smog-Problem aufmerksam. Denn in den Millionenstädten dieser Welt gibt es so gut wie alles, nur leider sehr wenig frische Luft. Diese Botschaft will Thanner in möglichst viele Metropolen tragen; dazu dient ihr ihre Aktionsplattform Billi Thanner’s Art Army.

Vorrangig sind es jedoch starke Frauentableaus und gemalte Erzählflächen rund um das Thema Weiblichkeit, die das Œuvre von Billi Thanner bestimmen. Auf den ersten Blick muten diese wie anachronistische Werbereklamen oder Verneigungen vor den Archetypen der Konsumwelt an. Doch hinter der Ästhetik kommerzieller Werbebanner verbergen sich Billi Thanners subversiver Kommentar, ihre Ironie und vor allem jene Leichtigkeit, die ihr Selbstverständnis als aktionistische Künstlerin auszeichnet.

Billi Thanner bedient sich verschiedener Medien. In ihren aktuellen Gemälden, die als Hinterglasbilder in spezieller Maltechnik auf technischer Weichfolie entstehen, erzählen Frauen von ihrer Arbeit und von der Gesellschaft – oder anders formuliert: von der Weiblichkeit in der Moderne. In der Werkserie „Gast in der Natur“ werden die Protagonistinnen vereinzelt in Szene gesetzt und mittels fiktiver Biografie personalisiert.

Die Künstlerin hinterfragt in ihren Arbeiten, wie die westeuropäische Frau wahrgenommen wird, wie sie sich entwickelt und was sie zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Die moderne Frau ist dank Revolution, Menschenrechten und Emanzipation nicht mehr nur schön, sondern auch weitgehend gleichberechtigt. Jedoch wirft Thanner die Frage auf, ob ihre Attraktivität aufgrund der Schönheitsindustrie heute nicht vielleicht allzu künstlich geworden ist und stellt zur Diskussion, inwieweit die Entwicklung der modernen Frau in den Augen der Männer als Gewinn gesehen wird.

Inhaltlich begleitet die Arbeiten eine von Billi Thanner konzipierte dreiteilige Performance mit dem Titel „Die Venus ist gekommen“. In dieser thematisiert die Künstlerin das Rollenbild der Venus als Göttin der Liebe, des erotischen Verlangens und der Schönheit – seit jeher ein europäisches Idealbild der Frau: schön, begehrenswert und göttlich.

Den Ausgangspunkt der Performance bilden die Protagonistinnen eines großen, im Rahmen der Messe (FAIR FOR ART VIENNA 2017) präsentierten Hauptwerkes. Diese spielen – schön und erfolgreich – auf der Bühne die ihnen zugedachten Rollen und gehen Fragen der gesellschaftlichen Veränderung nach. Wo ist das Göttliche geblieben? Was wurde aus der Hingabe an den Mann und die Familie? Schließlich gipfelt die Performance in einer „Katharsis“, in der die Frau sich von Liebesqualen, Verpflichtungen und Zwängen befreit. Sie ist weder sündig noch verfallen, nicht ausschließlich Licht noch Schatten, sondern vereint beide Pole in sich. Venus ruft Amor, und alle feiern und tanzen.


Thanner Billi
Galerie Szaal, Schottenring 10, 1010 Wien