Landeck 1909 – 1985 Wien

Hans Wulz war einer der bedeutendsten österreichischen Maler in der Tradition des Spät-expressionismus. Er steht mit seinen formalen Prinzipien in der Tradition des Wiener Künstlerhauses. Dieses war für ihn seit 1948 künstlerische Heimstätte. Er hatte dort viele Kollegen, die zu Freunden wurden: Rudolf Keppel, Herbert Stepan, Fritz Zerritsch, Max Pleban, Kurt Panzenberger, Viktor Pipal, Ernst Schrom, Karl Gunsam, Max Poosch, Ernst Wenzelis und zahlreiche andere. Wulz´ Oeuvre orientiert sich an zwei Motivkreisen, denen der Künstler sich in durchaus unterschiedlicher Weise näherte: Die vielfältigen Dimensionen menschlichen Lebens werden in eindrucksvolle, oftmals ergreifende figurale Kompositionen übersetzt und stehen den anmutigen Darstellungen von Städten und Landschaften gegenüber, in denen Wulz lebte und die er besuchte.

Figurale Kompositionen
1961/62 stand Hans Wulz auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Schaffenskraft. Auf diesem Gipfel schuf er – zusammen mit seinem Kollegen Josef Fastl – seinen größten und auf-wendigsten Auftrag, das Kreuzigungspanorama im Schweizer Wallfahrtsort Einsiedeln. Dieses monumentale Öl-Rundgemälde erreichte ein Ausmaß von zehn Metern Höhe und einen Umfang von hundert Metern. In diesem Kunstwerk der Superlative, das den Ort und die Umgebung der Kreuzigung Christi darstellt, gestaltete Hans Wulz 500 zum Teil lebensgroße Figuren.

Welche Entwicklung war dieser künstlerischen Höchstleistung vorausgegangen? Nun, beginnen wir unsere Betrachtungen mit einer Rückblende in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Schon Wulz erster Beruf als Holzbildhauer hatte den jungen Künstler stark mit dem Darstellungsobjekt „Mensch“ verbunden. Hier lernte er die Anatomie und die Proportionen des menschlichen Körpers in all ihren sinnlichen Dimensionen kennen. Er begriff die räumliche Struktur der menschlichen Physiognomie und entwickelte ein Gefühl für Körperformen, Gesichtsausdruck und Körperhaltung. In dieser frühen künstlerischen Entwicklungsphase (1924 – 1928) erarbeitete sich Hans Wulz eine solide Basis für seine Personendarstellungen. Denn auch in seinen malerischen Jugendwerken beschäftigte sich der Künstler in der Hauptsache mit dem Thema „Mensch“. Schon als Schuljunge nahm er sich klassischer Themen an, und es entstanden erste figurale Ölgemälde. Sein Studium an der Wiener Akademie ab 1948 trug zur weiteren Verfeinerung im technischen Bereich bei, die Kriegsjahre sowie die Gründung einer Familie brachten für den Maler neue Erkenntnisse mit sich, tiefere Einsichten in das weite Land der menschlichen Psyche.

Seine großteils als Akte gezeigten Figuren wurden zu Sinnbildern für Leben und Familie, für Leid und Schmerz, für Hoffnungen, Sehnsüchte und Konflikte. In den durchwegs großformatigen Arbeiten liegen, sitzen und stehen diese Figuren in Abbreviaturen von Landschaften oder scheinen in nicht genauer zu definierenden, in metaphysisches Blau getauchten Räumen zu schweben. Mit diesen Darstellungen erinnert Wulz an die Bildaufbauten und -kompositionen eines Hans Makart – der in seinen Werken der Inszenierung und Allegorie einen breiten Raum gab – mit der Körperlichkeit der Figuren, vor allem in den frühen Arbeiten, an jene eines Albin Egger-Lienz.

Die Farbwerte wurden von Wulz nicht nur als malerische Effekte eingesetzt, sondern oft als Träger der Bildinhalte. So stehen etwa Farbkombinationen von Blau bis Violett für Hoffnung oder Orange-Rot-Töne für Konflikte, Entscheidungen oder Ängste, symbolische Werte, die auch bei den Malern der vom Künstlerhaus abgespaltenen Gruppe der Secessionisten zu finden sind.

Hans Wulz dramatische, oft überwältigende, in „lodernden Farben“ vorgetragene Komposi-tionen sind Manifestationen des ergreifenden menschlichen Schicksals im Allgemeinen, aber auch eigener psychischer Zustände des Malers. Hinter der symbolhaften Aussage eines Gemäldes stehen oftmals persönliche Begegnungen des Malers mit verschiedenen Menschen und deren Lebensumständen. Menschliche Schicksale wie Unterdrückung, Armut und Not machten Wulz zutiefst betroffen.

Seine Malerei war Hans Wulz zentraler Lebensinhalt, ein Dialog mit sich selbst. Seine figuralen Gemälde sind Ausdrucksformen tief greifender Erlebnisse des Malers, der düsteren Erfahrungen der Kriegsjahre, geprägt von Not und Elend, des Verlustes seiner geliebten Mutter wenige Tage nach seiner Heimkehr; aber sie sind auch Spiegel eigenen Begehrens und Verlangens. Zahlreiche Gemälde des Künstlers ranken sich um die Themenkreise der Begegnung von Mann und Frau, der Familie und der Frau in ihrer Rolle als Mutter. Das Spektrum reicht von realen Darstellungen bis zu mystisch-transzendenten Kompositionen. Wulz bediente sich dabei der Farbverfremdung und setzte bei der Aktmalerei, im Gegensatz zum Rot-Blau-Kontrast seiner biblischen Motive, überwiegend auf Gelb-Grün-Kontraste. Ein anderes Thema, dem man im Gesamtwerk von Hans Wulz immer wieder begegnet, geht auf die Antike zurück. Es ist dies die Darstellung einer männlichen, von einer Gruppe von Frauen umgebenen Figur. Wulz variierte hier „Das Urteil des Paris“ (die Wahl eines Mannes zwischen ihm nahe stehenden Frauen) und die „Parzen“ (bei den Römern zu dreien auftretende Geburts- und Schicksalsgöttinnen).

Der Mensch in seiner Beziehung zur Mystik war für Hans Wulz ebenfalls von zentralem Interesse. Diese „mystischen“ Gemälde weisen zumeist eine Gliederung in zwei oder mehreren Handlungsebenen auf. Die vorderste Ebene ist der realen menschlichen Welt vorbehalten, während der Künstler in den dahinter liegenden Ebenen den Bezug zum Geistig-Seelischen bis hin zum Transzendenten symbolisch darzustellen suchte. Diese großflächigen Ölgemälde werden von kräftigen Farben dominiert, vor allem intensive Blaufarbtöne stellen die Verbindung zu höheren Sphären dar.

Landschaftsmalerei
Ebenso eindringlich wie die figuralen Kompositionen und doch im Ausdruck gänzlich unterschiedlich zu diesen sind Wulz Städtebilder und Landschaften. Unter den frühen Arbeiten von Hans Wulz finden sich kaum Landschaftsdarstellungen. Erst in späteren Jahren, nach dem Krieg, widmete sich Hans Wulz mehr und mehr der Landschaftsmalerei. Unter seinen neuen Bildern waren neben fertigen Aquarellen oft auch bereits angelegte Ölgemälde, die er dann zu Hause, im Atelier, fertig stellte. Ein beträchtlicher Teil dieser damals entstandenen Gemälde, etwa knapp hundert Werke, befinden sich heute im Niederösterreichischen Landesmuseum.

Zu Beginn der 50er Jahre wurde Hans Wulz zu einer Studienreise nach Italien eingeladen. Das Österreichische Bundesministerium für Unterricht förderte dieses Vorhaben mit einem nicht unerheblichen Zuschuss. Diese Begegnung mit Italien war für ihn mit sehr intensivem Schaffen verbunden, und schon bald folgten weitere Reisen nach Sardinien und Sizilien. Obwohl Wulz seit 1931 in Wien ansässig war, blieb er zeitlebens eng mit seiner früheren Heimatstadt Salzburg verbunden, wo seine Schwester mit ihrer Familie wohnte. Dies führte dazu, dass er die geliebte Stadt mit großer Regelmäßigkeit besuchte und Jahr für Jahr mindestens ein paar Wochen in Salzburg verbrachte, wo eine große Anzahl von Ölgemälden und Aquarellen entstand.

In den Jahren 1977, 1979 und 1980 unternahm Wulz Studienreisen nach Südtirol, in die Schweiz und nach Italien, sodass diese Periode zu einer neuerlichen schaffensreiche Phase auf dem Gebiet der Landschaftsmalerei wurde.
Kennzeichnend für die in Aquarell und Öl festgehaltenen Landschaftsporträts sind der an Ort und Stelle festgehaltene Bildausschnitt, das momentan herrschende Tageslicht, der heitere Eindruck, die meist lichte Farbpalette oder beinahe genrehafte Szenen. Sie spiegeln jene innere Ruhe, Unbeschwertheit, beinahe Unbekümmertheit wider, die Wulz in der Natur fand.

Die Darstellung dynamischer Landschaften und interessanter architektonischer Gegebenheiten reizte den reifen Künstler ganz besonders. Hierzu war ihm als Instrument eine zunehmende Abstraktion sehr willkommen. Typische, unverwechselbare Erkennungsmerkmale seiner späteren Landschaftsgemälde sind schemenhafte Strukturen, Punkte oder Flecken, die ihm als Ausdrucks-mittel für örtliche Besonderheiten dienten. Typisch für Wulz Landschaften sind Vordergrund-szenen. Knorrige alte Bäume zogen seine Aufmerksamkeit besonders an und dienten silhouetten-haft als Vordergrund in vielen seiner Landschaftsmotive. Aber auch Boote, Hauskanten und Durchgänge, manchmal auch Fußgänger, wählte er zu diesem Zweck.

Hans Wulz künstlerisches Credo, das für die Landschaftsmalerei ebenso wie für seine figuralen Kompositionen gilt, lässt sich in einer von ihm selbst verfassten Aussage am deutlichsten ablesen: „Anregung und Vorbild für meine Malerei bleibt die Natur. Ich bin der Ansicht, man soll die Natur nicht so verändern, dass sie im Gegensatz zur organischen Form steht.“

Hans Wulz hinterlässt ein sehr großes, vielgestaltiges und mannigfaltiges Werk. Er malte unzählige Ölgemälde mit figuralen Inhalten, Landschaftsgemälde und Stillleben und schuf darüber hinaus etwa ein Dutzend Fresken in Kirchen und Museen, so z. B. für die Artilleriehalle des Heeresgeschichtlichen Museums der Stadt Wien. Für öffentliche Gebäude und Wohngebäude in Wien und in Niederösterreich fertigte er rund fünfzig Sgraffiti und Mosaiken an. Als begehrter Porträtmaler verewigte er außerdem zahlreiche prominente Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kunst, illustrierte in jüngeren Jahren eine große Anzahl von Kinder- und Jugendbüchern und zeichnete Grafiken und Karikaturen. Er beteiligte sich an Ausstellungen in Paris, Wien und Salzburg, wurde u. a. mit der Goldenen Ehrenmedaille und dem Goldenen Lorbeer des Wiener Künstlerhauses ausgezeichnet und 1962 zum Professor ernannt.


Wulz Hans
Galerie Szaal, Schottenring 10, 1010 Wien