Kaspar wandte sich 1924 einem sehr beliebten Motiv zu, dem "Blick von der Oper in die Kärntner Straße".
Der Name der Kärntner Straße leitete sich von Kärnten ab, jenem für Wien aufgrund seiner handelspolitischen Beziehungen wichtigen Land. Diese Straße bildete die Hauptverkehrsader der Stadt und erfuhr seit ihrem Bestehen zur Zeit der Römer keine wesentliche Veränderung. Auch die Seitenstraßen behielten ihre Richtung bei, nur die Johannes-, Anna- und Krugerstraße traten erst nach der dritten Stadterweiterung (also beiläufig nach dem Jahre 1220) neu hinzu. Das breite Straßenstück, das wir im Vordergrund unseres Aquarells sehen, wird links von der k. k. Hofoper flankiert, ein Werk von Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg, das nach dem Tod der beiden Architekten (1868) von Gustav Gugitz und Josef Storck vollendet und am 25. Mai 1869 mit dem "Don Giovanni" von Wolfgang Amadeus Mozart eröffnet wurde. Nun war Wien ab der Jahrhundertwende in einer beschleunigten Phase metropolitaner Entwicklung zur modernen Großstadt geworden. Das wichtigste Bildmotiv in der Vedutenmalerei aber blieben die historischen Bauwerke. Auch bei Paul Kaspar fungierte Alt-Wien als ein Paradigma zur Bewältigung der Gegenwart, jedoch fand der Künstler einen unabhängigen ästhetischen Ausdruck, um eine Brücke zu der von Modernität und Dynamik geprägten Großstadtkultur zu schlagen.

Auch das hier abgebildete Blatt ist künstlerisches Zeugnis einer geistigen Auseinandersetzung mit der realen Umwelt, in dem sich epochenbedingte Sehweisen und Darstellungsprinzipien ausdrücken. Kaspar setzte hier den Goldenen 20er Jahren ein sensibles Denkmal - dem neuen Bild der selbstbewussten Frau, den kürzer werdenden Röcken und Haaren, der "Wiener Mode" insgesamt, die über Jahrzehnte für erstklassiges Material, ausgezeichnete Handarbeit, Eleganz und Charme berühmt war. Kutschen, Straßenbahnen und Blumenstände runden das Stimmungsbild gelungen ab.

   

Kaspar Paul
Kaufmann Adolf
Kaufmann Wilhelm
Koko Demeter
Kokoschka Oskar
Kriehuber Josef
Kubin Alfred
Galerie Szaal, Schottenring 10, 1010 Wien